Mehr Ehrfurcht vor der Buche!   4 comments

Ich möchte nicht wissen wie oft ich schon achtlos daran vorbeigegangen bin. Oder sie einfach durch den Kamin gejagt habe. Immerhin heize ich das halbe Haus mit Brennholz, und Buche ist eigentlich in jedem Winter immer dabei. Aber der Reihe nach.
Die Beschäftigung mit Nepticuliden, zu Deutsch Zwergminiermotten, ist ein kurioses Metier, nach dem Motto: Je schlechter die Augen, desto kleiner die Falter. Als ich das erste mal einen Kasten mit Nepticuliden-Präparaten gesehen habe – beim Altmeister Willi Biesenbaum in Velbert-Langenberg – dachte ich einen Moment lang er wolle mich veräppeln. Ich sah – NICHTS. In dem Kasten steckten nur reihenweise Etiketten, aber keine Falter. Erst beim zweiten Hingucken erkannte ich die winzigen, auf Minutien präparierten, furchtbar kleinen Tiere. Sich mit diesem Fuzzelzeugs zu beschäftigen – undenkbar!
Ein paar Jahre später, Anfang Januar 2018, kam dann der Hinweis vom Kollegen Dieter Robrecht, man möge doch mal Ausschau halten nach Minen von Zimmermannia liebwerdella. Ein Blick in die Bestimmungshilfe des Lepiforums, Nepticulidae gelesen, und weggeklickt.
Aber vier Wochen später hielten sich im Lepiforum hartnäckig Beiträge zu dem Thema, und so las ich noch mal genauer. Und die beschriebenen Strukturen an der Rotbuche kamen mir doch sehr bekannt vor. Die Kamera genommen, einen kurzen Spaziergang in den Hildener Stadtwald hinter meinem Haus, und – verflixt und zugenäht – die Minen der Buchenrinden-Zwergminiermotte – Zimmermannia liebwerdella (ZIMMERMANN, 1940) sind so häufig, dass man sich schon ein wenig schämen muss, sie nicht zu kennen.

Minen der Buchenrinden-Zwergminiermotte – Zimmermannia liebwerdella (ZIMMERMANN, 1940), Haan-Gruiten, ehemaliger Steinbruch Grube 10, 17. Februar 2018 )Foto: Armin Dahl)

Rotbuchen-Stämme mit Stärken zwischen 10 und 40 Zentimetern, am besten in Waldrandlage und nach Süden exponiert: Ein Lebensraum der sich praktisch überall in Fahrrad-Entfernung auftreiben lässt, und an allen von mir bisher untersuchten Stellen lassen sich sich finden: Finger- bis spannenlange, senkrecht verlaufende Minen unter der Rinde, oft mit einer tpischen Schlaufe an der Ober- oder Unterseite, an den Stämmen von Kniehöhe bis in einige Meter Höhe: Die Minen bleiben offenbar viele Jahre sichtbar und es gibt nach Auskunft der Experten keine weitere Art, die ähnliche Minen an der Rotbuche (Fagus sylvatica) erzeugt.

Das nenne ich einen vernünftigen „Mikro“, den man im Prinzip mit dem Fernglas kartieren kann – von wegen Genitalpräparat unter dem Binokular, das hätte ich sowieso nie gemacht. Ectoedemia liebwerdella ist ganzjährig im Buchenwald leicht nachzuweisen, und prompt fand ich auch in meinem Brennholzstapel nach kurzer Suche noch einen Scheit mit ein paar Minen. Und der macht mir jetzt das Arbeitszimmer warm, in dem diese Zeilen geschrieben werden.

Vom ehemaligen Umweltminister Klaus Töpfer ist der Auspruch überliefert, die Ehrfurcht vor einem Stück Land sei oft eng verbunden mit einer Vielzahl dort lebender einzigartiger Tiere und Pflanzen. Der Satz fiel im Jahr 2006  im Vorfeld der 8. UN-Artenschutzkonferenz im südbrasilianischen Curitiba, das ist eine Metropole von der Größe Hamburgs. Von der  brasilianischen Artenvielfalt sind wir hier im Niederbergischen Land zwar weit entfernt. Aber so ein mehr bischen Ehrfurcht vor dem vom Entomologen so oft geschmähten, weil „langweiligen“ Rotbuchenwald vor meiner Haustür ist auch nicht schlecht.

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Veröffentlicht 17. Februar 2018 von Armin Dahl in Arten / Listen, Lebensräume, Mikros

4 Antworten zu “Mehr Ehrfurcht vor der Buche!

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  1. Da stimme ich Dir voll zu! Und wenn sich unterwegs ansonsten gar nichts lepidopterologisch Interessantes finden lassen will – eine Buche ist in vielen Gegenden immer in der Nähe, und so ist der Funderfolg fast garantiert!

    Brigitte Schmälter
  2. Natürlich bin ich auch neugierig gewesen und habe dann heute Mittag hier in Wuppertal-Barmen in einem Wald auf den Südhöhen bei der Suche Erfolg gehabt. DIe Minen waren alle Süd orientiert ausschließlich an jüngeren Bäumen zu finden, und zwar mitten in einem lichten Mischwald. Hat man sich im Lepiforum mal in die Minierbilder eingesehen, dann fällt es auch leicht diese an den Buchenrinden zu entdecken. Das ist mir Ansporn in Zukunft auch andernorts diese Art nachzuweisen.

  3. Und die Karte wird immer lustiger! Gestern füllte sie sich ein ganzes Stückchen weiter und einmal brauchte es nur 20 Sekunden zwischen dem Ausstieg aus dem Auto, dem erfolgten Nachweis der Miniergänge und dem Wiedereinstieg.

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