Einfach draufhalten – vom Arbeiten mit der app von observation.org   2 comments

Jahrelang bin ich durch die Wälder gezogen und habe bei jeder Beobachtung mein Blöckchen gezückt, die jeweils neuen Falter notiert, dabei Dutzende von Kugelschreibern verloren, konnte hinterher mein Gekritzel kaum mehr lesen. Das war so das Standardverfahren, wie es einem die Ornithologen im Studium beigebracht hatten. Die ganz Orthodoxen arbeiteten seinerzeit nur mit Bleistiften, der schreibt auch bei Regen, und wenn das Blöckchen ins Wasser fiel war die Tinte nicht verschmiert. Falter wurden direkt am Licht oder Köder fotografiert, mit der Spiegelreflex-Kamera. Was nicht direkt bestimmbar war musste im Kühlschrank zwischen den Frühstückseiern zwischengehältert werden, bis zum nächsten Fototermin.

Dann wurde alles halbwegs sauber ins Protokollbuch übertragen, von denen habe ich mittlerweile das elfte angefangen, die Bücher stehen sauber aufgereiht im Regal und verlassen das Arbeitszimmer nicht.

Und wenn das alles fertig war dann kam die Dateneingabe, ins Insectis oder zeitweise auch bei naturgucker, das sortieren und bearbeiten der Bilder, ich habe dabei viele Monate am PC verbracht.

Das alles war ein eingespielter unveränderlicher Prozesse, und jetzt ist es damit – vorbei!

Heute rücke ich ganz enspannt zum Lichtfang aus, schaue vorher nur mal schnell ob das Handy geladen ist. Die Falter werden direkt fotografiert und soweit möglich von der Software bestimmt, und nach observation.org hochgeladen. Damit ist auch schon die Dateneingabe erledigt. Das Protokollbuch führe ich nach wie vor, es füllt sich aber quasi verkehrt herum, aus den Listen die vorher schon online stehen.

Ich bin selbst am meisten erstaunt wie schnell sich das neue Arbeiten bei mir durchsetzt, – es ist einfach saumäßig praktisch.  Und ein ordentlicher Teil der Kollegen scheint das ganz ähnlich zu sehen, denn die Topliste der Arten bei observation.org füllt sich rasch mit Namen aus dem Bekanntenkreis. Die Möglichkeiten die Beobachtungen quasi in Echtzeit mit denen der Kollegen zu vergleichen gibt zusätzlichen Treibstoff in die Aktivitäten, sei es jetzt das Blaue Ordensband im Wollerscheider Venn oder die Gelbbraune Rindeneule Lithophane socia in unserem Lieblings-Tunnel im Eller Forst.

Ypsolopha vitella, Solingen. Ohligser Heide, 2./.3. September 2019 (Foto: Kai Kruse)

Ganz en passant kann man dann noch die neuen, mit der Artenvielfalt noch ziemlich geforderten Mitstreiter betreuen. Und auch da zeigt sich ein neues Phänomen: Die technischen Möglichkeiten machen vor schwierig zu bestimmenden Artengruppen keinen Halt, was früher bei den „Anfängern“ einfach unter den Tisch fiel („Mikros gucke ich generell keine an„) wird heute einfach fotografiert und offen gelegt, mit erstaunlichen Ergebnissen.

Ein Beispiel von vielen: Von der  nebenstehenden Ulmen-Schabenmotte Ypsolopha vittella gibt es aus Nordrhein-Westfalen bisher weniger als ein Dutzend Nachweise, einer davon wurde jetzt von Kai Kruse praktisch direkt vor meiner Haustür in der Ohligser Heide gemacht. Das Bild ist übrigens „Geotagged“, d.h. die Kamera lieferte über GPS gleich den Standort mit.

Möglich wird das alles durch die excellente Vorarbeit der holländischen Kollegen, die mit zigtausenden registrierten Benutzern und entsprechender Organisationsstruktur ein in Deutschland unvorstellbare Manpower haben.

Ich erinnere mich noch gut an meine ersten „Zugkärtchen“ auf denen wir nach den winterlichen Bodensee-Exkursionen die spannenden Wasservögel für die „Avifauna Baden-Württembergs“ notiert haben. Das war in den 80ern, lange vor der Erfindung des Mobiltelefons und galt damals als Stand der Technik. Als Aushilfe im Rechenzentrum der Uni Tübingen habe ich noch den Großrechner mit Lochkarten gefüttert, mein erster Computer hatte – seinerzeit eine Revolution – Windows 2.0. Verbreitungskarten der Schmetterlinge wurden zu der Zeit noch mit runden Klebeplättchen hergestellt, oder mit dem gefürchteten Rotring-Stift. Wer eine SOFTCOL-Lizenz für die Erfassung von Verbreitungsdaten hatte, der war schon der König: Für die Lizenz  habe ich seinerzeit als Student ein paar hundert Euro zahlen müssen. Heute kartiere ich locker mit meinem Handy auf 10m genau mit Zeitstempel und übertrage alle Daten mit einem Fingertipp in die phantastisch schnelle Online-Datenbank.

Die Frage ob es sich beim Benutzen der Apps für das Kartieren und Bestimmen um einen Hype handelt, oder ob sich die Sache durchsetzen wird, stellt sich meiner Ansicht nach nicht: Seit ich mich mit der Datenerfassung bei Tieren beschäftige ist die Erfassung der Rohdaten beständig genauer geworden, und hat alle neuen technischen Möglichkeiten dankbar aufgenommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht 19. September 2019 von Armin Dahl in im Netz, mehr Lepis

2 Antworten zu “Einfach draufhalten – vom Arbeiten mit der app von observation.org

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  1. Und bald brauchst du nicht mal mehr selbst zum Lichtfang raus gehen: einfach eine Drohne mit UV-LEDs ausgerüstet von zuhause aus ins Gelände steuern, alle anfliegenden Falter werden von der Drohne fotografiert und per App automatisiert determiniert und sofort in observation.org hochgeladen….ein schöner Mist ist das und der Spaß bleibt auf der Strecke 😉

    • ich hab immer Spaß bei der Geländearbeit, aber worauf ich ohne Probleme verzichten kann sind aufwändige redundante Prozesse bei der Datenaufbereitung. Bei meinen eigenen Daten geht das ja noch. Aber bei größeren Netzwerken tötet das einem auf die Dauer den Nerv

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