Archiv für die Kategorie ‘Pflege

Tagfalter im Spätsommer 2018   4 comments

In diesem Sommer habe ich mehr Schwalbenschwänze gesehen als in den gesamten restlichen Jahren zusammen, seit ich mich mit Schmetterlingen beschäftige.

Zum Teil liegt es an dem Supersommer, der uns eine dritte Generation beschert hat. Zum Teil kann ich mir aber auch ein wenig selbst auf die Schulter klopfen, denn eine Ausgleichsfläche zwischen Haan und Gruiten, die von der AGNU Haan zum Teil unter meiner Federführung angelegt wurde, entwickelt sich zum Faszinosum: Wann immer man bei halbwegs anständigem Wetter dort hinkommt, ist die Begehung quasi mit Schwalbenschwanz-Garantie!

Dabei haben wir dort nichts weiter gemacht als im April 2018 eine Wiesenmischung einzusäen. Anfangs sah es so aus als sei die ganze Aktion für die Katz, und das komplette Saatgut vertrocknet. Aber seit Anfang Juni liefert die frisch angelegte Wiese auf einem ehemals intensivst genutzen Acker Schmetterlinge ohne Ende. Bei kurzen Begehungen hatte ich mehrfach mit ein halbes Dutzend Schwalbenschwänze auf dem Zettel, gleichzeitig beobachtet wohlgemerkt

Aktuell fliegen dort schon wieder die Goldene Acht, vier Bläulingsarten (phlaeas, argiades, icarus und agestis), und heute mal wieder drei Schwalbenschwänze. Und das auf einer Teilfläche von vielleicht einem Hektar Größe: Die Gesamtfläche ist etwa sieben Hektar groß.

Einer der Schwalbenschwänze kam übrigens gerade übers Feld geschossen, flog vor der Baumhecke an der A46 senkrecht in die Höhe, und überquerte dann die A46 Richtung Südosten in hohem Tempo. So etwas kannte ich bisher nur von „echten“ Wanderfaltern wie Admiral und Distelfalter, bei Papilio machaon hatte ich Wanderverhalten noch nie gesehen.

Hier ein paar Bilder, alle mit dem iphone aus der freien Hand geschossen und nicht beschnitten

Nachzutragen ist auch noch ein Kaisermantel aus dem ehemaligen Steinbruch Grube 10, vom 1. September, gesehen beim Pflegeeinsatz der AGNU. Der erste 2018er-Nachweis aus Grube 10 stammt übrigens vom 29. Mai. bedeutet der Kaisermantel fliegt dort im Sommer schon seit mehr als drei Monaten! Das ist ja zwar politisch überhaupt nicht korrekt, aber so ein bisschen klammheimliche Freude über den Klimawandel kann ich mir nicht verkneifen.

Argynnis paphia, Haan, Grube 10. 1. September 2018 (Foto: Armin Dahl)

 

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Veröffentlicht 4. September 2018 von Armin Dahl in Lebensräume, Pflege, Tagfalter

Aktive Heidepflege in Brandenburg   1 comment

Erhöhung der biologischen Vielfalt durch aktive Heidepflege – das klingt gut. Dass da auf großen Flächen schlicht und ergreifend Feuer gelegt wird, klingt vielleicht auf den ersten Blick abenteuerlich. Aber es funktioniert!

Die „Wittstock-Ruppiner Heide“ liegt im Nordwesten des Landes Brandenburg, mit mehr als 9000 Hektar Fläche ist sie das größte zusammenhängende Sand- und Heidegebiet Nordostdeutschlands. Riesige Kiefern-Pionierwälder auf Sand, Besenheide und offene Sandflächen mit Silbergrasfluren prägen den ehemaligen Truppenübungs- und Schießplatz: Dort wo die Panzer fuhren und die Zielgebiete der Schießübungen lagen, befinden sich heute wertvollste Offenland-Lebensräume mit schier unglaublicher Artenvielfalt und -ausstattung. Ein Beispiel aus der Ornithologie: Der Ziegenmelker (Caprimulgus europaeus) hat dort mit über 500! Revierpaaren die kopfstärkste Population Deutschlands.

Wo es Ziegenmelker gibt, sind die Heidebiotope gut in Schuss: Purpurbär (Rhyparia purpurata), Früher Ginsterspinner (Chesias rufata), Frankfurter Ringelspinner (Malacosoma franconicum), Ginsterstreckfuß (Gynaephora fascelina) und Argus-Bläuling (Plebejus argus) profitieren von den Pflegemaßnahmen, so werden unter anderem jedes Jahr etwa 160 Hektar Heideflächen mit „Kaltem Feuer“ abgebrannt: Kontrolliertes Brennen in den Monaten Januar/Februar/März beseitigt gleichzeitig die im Oberboden vorhandenen Blindgänger und Munitionsreste aus der Zeit der militärischen Nutzung, und kostet nicht viel.

Das Pflege der Heide ist eines der Projekte des Monats in der UN-Dekade für die biologische Vielfalt, die bis 2020 läuft. Auf der Webseite der UN-Dekade kann man für verschiedene Projekte abstimmen. Ob die örtlichen Aktivisten, in diesem speziellen Fall der Bundesforst, mit den kärglichen 1000 Euro Preisgeld wirklich etwas anfangen können, sei mal dahingestellt.

Brennt es einmel in den Moor- und Heidegebieten hierzulande, so zuletzt im Hohen Venn 2011 oder in der Diepholzer Moorniederung 2017, ist die Aufregung groß und die Feuerwehr nicht weit. Dabei ist der Schaden nach wenigen Monaten nicht mehr zu erkennen, der Nutzen durch das Entstehen baumfreier Flächen aber immens.

Das Abflämmen der Truppenübungsplätze und zum Beispiel auch der Bahnböschungen war noch vor einigen Jahrzehnten ein probates Mittel zur Offenhaltung von Lebensräumen. Übrigens war damals auch noch keine Rede vom Insektensterben. Im Jahr 2016 verbrauchte die Bahn jährlich für das Offenhalten ihrer Gleisanlagen 65,4  Tonnen Glyphosat, und ist damit der größte Einzelverbraucher des Pflanzengiftes in Deutschland.

 

Veröffentlicht 1. Dezember 2017 von Armin Dahl in Lebensräume, Pflege, Umwelt

Wider den Trend: Heidelandschaft selbst gemacht   3 comments

„Was machst Du da Papa???“ 

„Ich pflanze mir eine Heide!“

JETZT SPINNT ER DANN KOMPLETT!. Die Schriftzeichen auf der Stirn meines Sohnes sind auf 10 Meter Entfernung mühelos zu entziffern. Etwas anderes war auch nicht zu erwarten, von einem techno-affinen Oberschüler, der bisher keinerlei Begeisterung für Gartenarbeit hat erkennen lassen – kurzgetrimmte, topfebene Rasenflächen rund um den Grill ausgenommen.

Ich krieche derweil auf den Knien in meiner Schafweide herum, buddele mit den bloßen Händen im Dreck, und grinse in mich hinein. Die Schafe haben auch schon so blöde geglotzt, als ich sie mit dem Elektrozaun aus einer kleinen Fläche ausgesperrt habe, auf der die „Dahlsche Heide“ entstehen soll. Ja richtig: Ich pflanze meine eigene Heide. Und zwar genau vor der Haustür. Und wenn mich alle für bescheuert halten, das musste einfach sein. Wollen wir doch erst mal sehen ob ich nicht dem ganzen Artenschwund und der Verinselung auf der Bergischen Heideterrasse ein Schnippchen schlagen kann!

Vor ein paar Jahren habe ich die Wiese vor meinem Haus gekauft, die war nach dem 2. Weltkrieg auch schon mal Haferfeld. Auf der stehen schon seit mehr als 15 Jahren meine Schafe, und der Sandboden ist ordentlich ausgemagert. Und vor einer Woche habe ich mit der Hife der Biostation Solingen einen Hänger voll Plaggen aus dem Heidegarten in der Ohligser Heide geholt, als Impfmaterial für meine Privatheide. Eine Wiedehopfhacke habe ich mir auch noch geleistet, das ist das ultimative Arbeitsgerät für alle die sich im Abplaggen und Wiedereinpflanzen von Besenheide, Ginster und anderen Sträuchern üben wollen.

Zwei Stunden abplaggen zu dritt, drei Stunden einpflanzen, fertig ist die Heide. Jedenfalls ein paar wenige Quadratmeter, und einen stabilen Zaun muss ich auch noch drum herum bauen, sonst zuppeln die Schafe alles wieder heraus. Der Thymian, von dem ich letztes Jahr ein paar Pflänzchen aus der Wahner Heide mitgenommen hatte, blüht schon mal. Und in ein paar Jahren kann ich mir dann hoffentlich das aufwendige Herumfahren sparen und typische Pflanzenarten wie Besenheide, Ginster und vielleicht das Sandglöckchen bei mir vor der Haustür begrüßen. Und wenn das erst mal soweit ist dann sind auch die typischen Heide- und Offenland-Falter nicht mehr weit.

Der Rücken tut weh vom ungewohnten Arbeiten, das Gerät ist aufgeladen, noch ein letzter Blick auf die Fläche, man sieht fast keine Veränderung zu vorher. Aber als ich wieder unter der Dusche herauskomme steht ein prächtiger Regenbogen über der Wiese, als gutes Omen für die kommende Heidefläche.

Veröffentlicht 22. Oktober 2017 von Armin Dahl in Heideterrasse, mehr Lepis, Pflege

Unter Schutz und dann vergessen: Lindlar-Kaiserau, Steinbruch Felsenthal   1 comment

Das Wetter ist momentan bei klarem Himmel und Bodenfrost am Morgen noch nicht so richtig prickelnd, so kann man die Abende am heimischen Kamin – äääh, Computer verbringen und ein paar Daten aus gar nicht so fernen Tagen erfassen. Die „Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft rheinisch-westfälischer Lepidopterologen e.V.“ waren der Vorgänger der heutigen „Melanargia“, damals wurde die Zeitschrift vom Löbbecke-Museum herausgegeben, die Schriftleitung hatte seinerzeit Dr. Siegfried Löser. Die Zusammenarbeit mit dem Museum klappte seinerzeit jedoch nicht, nach dem 5. Jahrgang wurde die Serie als „Entomologische Mitteilungen aus dem Löbbecke-Museum“ 6.-8. Band, Heft 1 fortgesetzt und danach auch schon eingestellt.

Die „Nachrichten der Rheinisch-Westfälischen Lepidopterologen“ werden seitdem vom Verein in eigener Regie herausgegeben, unter dem Titel „Melanargia“ und von Schriftleiter Günter Swoboda. So weit zur Vorgeschichte, jedenfalls ist mir ein Stapel der alten „Mitteilungen“ ins Haus geflattert, und die Hefte sind eine echte Fundgrube.

Lindlar, Steinbruch Felsenthal: heute vom Wald überwachsen (Quelle: maps google de)

Lindlar, Steinbruch Felsenthal: heute vom Wald überwachsen (Quelle: maps.google.de)

In den 70er Jahren war sicher die beste Zeit für die Lepidopterenfauna im Bergischen Land schon vorbei. Aber die Naturschutzbewegung hatte starken Aufwind, und bei vielen Unterschutzstellungen gab es ausführliche faunistische Untersuchungen, auch der Schmetterlingsfauna. Ein der längsten Artenlisten lieferte damals das heutige Naturschutzgebiet Felsenthal an der Strecke der Schmalspurbahn Engelskirchen – Marienheide. Die Linzer Basalt AG im Felsenthal bei Lindlar lieferte vor dem 2. Weltkrieg Grauwackensplit für Bauprojekte, auf den Seiten des Vereins der Freunde und Förderer des Bergischen Freilichtmuseums Lindlar e.V. findet man eine tolle Dokumentation mit Bildern des letzten, 1929 geschlossenen Steinbruchs der Bergisch – Märkischen Steinindustrie. Der Betrieb wurde schon 1929 eingestellt, heute ist das Gebiet völlig vom Wald überwachsen.

Jetzt aber endlich die Artenliste aus den Jahren 1968-70, 308! Arten, zusammenfasst aus drei Tagesexkursionen und 16 Nachtexkursionen. Die Nomenklatur habe ich den heutigen Standards angepasst, ein paar Arten die seinerzeit noch nicht getrennt wurden als Artkomplexe eingegeben:

Neuerfassung: Kinkler, Helmut & Willibald Schmitz (1982): Die Großschmetterlinge (Macrolepidoptera) des Grauwackensteinbruchs Felsenthal bei Lindlar. – Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft rheinisch-westfälischer Lepidopterologen e.V., 3 (3): 116-127

Hier nur mal die Arten die heute im Bergischen Land als ausgestorben gelten: Epione vespertaria, Ennomos erosaria, Alsophila aceraria, Idaea sylvestraria, Apamea lateritia und Leucoma salicis (von Thalpophila matura haben wir neuerdings Nachweise aus Heiligenhaus und Düsseldorf). Was davon heute noch übrig ist, gälte es mal zu erforschen, kaum vorstellbar ist angesichts des Satellitenfotos, dass dort heute noch das Schachbrett fliegt.

Auf den Seiten der Naturschutzbehörden findet sich zu den Zielen der Unterschutzstellunge: „Erhaltung und Entwicklung krautreicher Mischwaelder sowie von Grauwacke-Steinbruechen als entwicklungsfaehiger Lebensraum fuer zahlreiche Tier- und Pflanzenarten“, unter dem Punkt Gefährdung: „Unerwünschte Sukzession“. Das Satellitenbild spricht Bände, der Steinbruch Felsenthal hat sich entwickelt, unter Schmetterlings-Gescichtspunkten leider in die völlig falsche Richtung. Insgesamt ein weiteres trauriges Kapitel aus der Serie: „Unter Schutz gestellt und dann vergessen“.

Alle Daten finden wie gewohnt Eingang in die Datenbank unter www.schmetterlinge-nrw.de

Veröffentlicht 10. April 2016 von Armin Dahl in Arten / Listen, Lebensräume, Pflege

Lesetipp: Schmetterlinge im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide   Leave a comment

Über diese tolle Publikation im Web bin ich aktuell durch einen Tipp von Frank Rosenbauer gestolpert:
Hartmut Wegner und Dirk Mertens (2014) Schmetterlinge: (Lepidoptera) im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide.

Wer noch keine Idee hat wo er in den nächsten Jahren einen kurzen oder längeren Urlaub verbringen soll, kann sich da reichlich Anregungen holen. Auch Pflegehinweise für Lebensräume der Spitzenarten der Roten Liste bzw. Gründe, warum einzelne Arten zu- oder abgenommen haben.

Veröffentlicht 21. November 2014 von Armin Dahl in Ökologie, Lebensräume, Pflege, Tagfalter

Refugien in Wiesen schaffen!   Leave a comment

Was wir schon lange feststellen ist die erstaunliche Arten- und Individuenarmut in „normal“ gemähtem Grünland. Bisher hatte ich immer die Pflanzen-Artenarmut oder den hohen Stickstoffgehalt der Flächen im Verdacht. Aber nachdem mir Frank Sonnenburg einen Artikel aus der Schweiz geschickt hat, gibt es für mich eine wesentlich einfachere Erklärung: Die meisten Tiere überleben den Maschineneinsatz nicht!

Das haben nicht irgendwelche Ökospinner festgestellt, sondern Agroscope, die Forschungstelle für das Schweizerische Bundesamt für Landwirtschaft. Zwar wurde vor allem an Heuschrecken geforscht, aber das liegt nur daran dass man diese methodisch ordentlich erfassen kann, was mit anderen Gruppen wie z.B. Schmetterlings(raupen) in aller Regel nicht gelingt.

Literatur: Humbert, J.-Y. , N. Richner, J. Sauter, T. Walter & G. Jaboury (2010): Wiese-Ernteprozesse und ihre Wirkung auf die Fauna. ART-Bericht 724, Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon (ART), Ettenhausen, 12 S., Download pdf (833 kb)

Hier ein paar Eckpunkte:

  • Was der Kreiselmäher verschont, geht beim Wenden, Schwaden und Aufladen zum Teufel.
  • Der schlimmste Feind der Fauna ist der sogenannte Aufbereiter, der während der Mahd das Gras quetscht.
  • Grossen Anteil an der negativen Wirkung haben die Traktorräder.
  • Die mit dem Traktor ausgeführte Ernte kann die Effekte einer vergleichsweise vorsichtigen Mahd mit dem Motorbalkenmäher aufheben.
Pflegeschnitt im Spörkelnbruch 2013: Ohne ausreichende Refugialflächen ist maschinelle Wiesenmahd keine gute Idee.

Pflegeschnitt im Spörkelnbruch 2013: Ohne ausreichende Refugialflächen ist maschinelle Wiesenmahd keine gute Idee. Ob ich hier den Traktor noch mal drauflasse? Wohl kaum!

Mir fallen da spontan eine Reihe von Wiesen ein, die sich durch erstaunliche Artenarmut auszeichnen, zum Beispiel im Eller Forst und auf der Urdenbacher Kämpe in Düsseldorf, in Heiligenhaus-Görscheid und anderswo.
Und die schier unglaubliche Individuenzahl von Wiesenfaltern in brachgefallenen Flächen wie dem Landschaftspark Fuhrkamp in Langenfeld.
Die Ergebnisse der Schweizer Studie sollte man meiner Ansicht nach nicht nur bei fälligen Ausschreibungen zur Pflege von Naturschutzgebieten berücksichtigen. Besonders die Empfehlungen mit der Schaffung sogenannter Refugien lässt sich auf praktisch allen Wiesenflächen leicht umsetzen!

Weitere Tipps finden sich hier: http://www.naturtipps.com/mahd.html

Und wo imer möglich werde ich auch in Zukuft dafür sorgen, dass die gute alte Handsense  und der Rechen zum Einsatz kommt, und zwar „Zu Fuß“!

 

Veröffentlicht 31. Januar 2014 von Armin Dahl in Lebensräume, Pflege

Mehr Wildbienen und Heuschrecken dank verbessertem Mähen   1 comment

Hier eine Pressemitteilung der Uni Bern, die ich sowohl unter ökologischen als auch ökonomischen Gesichtspunkten äußerst spannend finde. Die Originalarbeit in Englisch ist in der Public Library of Science –PLOS publiziert worden, also frei verfügbar. Es dreht sich zwar um Heuschrecken und Wildbienen, aber was die für Schmetterlinge lebenswichtigen Ressourcen Nektar und Pollen – nicht zu vergessen die Samen (Eupithecien, Perizoma-Arten!)- angeht, lässt sich das natürlich übertragen. Die Forscher haben auf 36 Probeflächen im Schweizerischen Tiefland untersucht, wie sich verändertes Mahdregime auf die Arten- und Individuenzahlen auswirkt.

Das Ganze ist auch keineswegs neu, in allen Pflegeempfehlungen für Arthropoden werden Altgrasstreifen oder leicht verbrachte Zustände als entscheidend für die Artenvielfalt und Individuendichte benannt.


Pressemitteilung der Uni Bern

Biodiversität im Agrarraum wird unter anderem mittels Subventionen gefördert – diese zeigen aber noch nicht die gewünschte Wirkung. Es geht auch anders, wie Ökologen der Universität Bern zeigen: Einfache Massnahmen, zum Beispiel Wiesen weniger häufig zu mähen, lassen etwa die Population von Wildbienen um über ein Drittel anwachsen.

Gesunde Ökosysteme sind für Menschen von enormer Bedeutung: so sind etwa Insekten als Bestäuber unserer Nutzpflanzen von unschätzbarem Wert. Im Schweizer Landwirtschaftsgebiet sollen deshalb Ökologische Ausgleichsflächen (ÖAF) die Biodiversität erhalten oder wiederherstellen.

Diese ÖAF machen etwa 13 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Schweiz aus. Ungefähr die Hälfte davon sind extensiv genutzte Wiesen. Studien zeigen allerdings, dass diese Fördermassnahme des Bundes für Biodiversität wenig fruchtet. Dies, obwohl jährlich rund 65 Millionen Franken in die Schweizer Landwirtschaft fliessen, um genau solche extensiv genutzten Wiesen anzulegen.

Seit einigen Jahren stellen sich daher sowohl Landwirte, Agronomen als auch Biologen die Frage, wie mit diesen Wiesen ein wirklich nachhaltiger Nutzen für die Biodiversität erzielt werden kann. Am Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern hat eine Forschergruppe unter der Leitung von Dr. Jean-Yves Humbert und Prof. Raphaël Arlettaz nun herausgefunden, wie die Biodiversität in extensiv genutzten Wiesen mittels einfach umsetzbarer Massnahmen gesteigert werden kann. Die Studie wurde in zwei Artikeln der Journale Agriculture, Ecosystems & Environment und PLOS ONE publiziert.

Neue Mähvariante zeigt schnell Wirkung

Im gesamten Schweizer Mittelland wurden in extensiven Nutzwiesen an 12 Standorten vier verschiedene Mähregimes und deren Auswirkungen auf die Biodiversität verglichen. Wenn bei der ersten Mahd jeweils 10 bis 20 Prozent einer Wiese als begrüntes Rückzugsgebiet stehen gelassen wurde, stieg die Anzahl der aufgefundenen Wildbienen nach einem Jahr um 36 Prozent.

Nach zwei Jahren Anwendung dieser Mähvariante hatte sich zudem die Gesamtzahl aller Heuschrecken in solchen Wiesen verdoppelt und die totale Artenvielfalt dieser Tiergruppe konnte im Vergleich zu Wiesen ohne diese Rückzugsflächen um 23 Prozent gesteigert werden.

In Wiesen, deren erste Mahd einen ganzen Monat später erfolgte als sonst üblich (15. Juli anstatt 15. Juni) waren die Heuschrecken-Populationen sogar fünf Mal grösser als auf herkömmlich genutzten Flächen. Dies wiederum hat einen positiven Einfluss auf Tierarten, die sich von solchen Grossinsekten ernähren und deren Bestände im Agrarraum in den letzten Jahrzehnten markant rückläufig waren, etwa Vögel und Fledermäuse.

«Diese eindeutigen Resultate belegen eindrücklich, dass ein späterer Wiesenschnitt und das Anlegen von kleinen Rückzugsflächen eine grosse Bedeutung für den Erhalt der biologischen Vielfalt im Landwirtschaftsgebiet haben», meint Pierrick Buri vom Institut für Ökologie und Evolution, der die Studie im Rahmen seiner Doktorarbeit durchgeführt hat.

Derartig begrünte Wiesen liefern immer noch lebenswichtige Ressourcen wie Nektar und Pollen für Bienen zu einem Zeitpunkt, wenn diese Quellen andernorts weitgehend fehlen. Andererseits zeigten die Resultate, dass eine oftmals empfohlene Mähvariante wie eine Reduktion der Anzahl Schnitte auf maximal 2 pro Jahr mit einem Intervall von mindestens 8 Wochen zwischen zwei Mahden keinen positiven Effekt auf die Biodiversität hat.

Aufgrund dieser Befunde empfehlen die Forscher eine entsprechende Anpassung der Bewirtschaftungspraxis auf ÖAF und eine Koppelung der Subventionsvergabe an ein derart verändertes Mähregime. Ein Anteil der extensiv genutzten ÖAF-Wiesen des Schweizer Mittellandes sollte demnach nicht vor dem 15. Juli gemäht werden. Ausserdem müsste in Wiesen, die schon am 15. Juni erstmals geschnitten werden, ein ungemähter Rückzugsraum stehen bleiben, der mindestens 10 Prozent der Gesamtfläche umfasst. Der genaue Standort dieses «Refugiums» kann bei jedem weiteren Schnitt jeweils verändert werden.

«Mit diesen Veränderungen käme eine gewisse räumlich-zeitliche Heterogenität in unsere Kulturlandschaft zurück – dies als ein entscheidender Faktor für eine erhöhte Biodiversität», sagt Jean-Yves Humbert, Co-Leiter der Studie.

Abschliessend ist Projektleiter Prof. Arlettaz überzeugt: «Mit solchen einfach umsetzbaren Massnahmen wären die Millionen von Schweizer Franken, welche an die Landwirte in Form von Subventionen für den Erhalt einer qualitativ hochstehenden, an Naturelementen reichen Landschaft ausbezahlt werden, tatsächlich gewinnbringend investiert.»

Artikel:
Buri, P., Humbert J.Y. & Arlettaz R.: Promoting pollinating insects in intensive agricultural matrices: field-scale experimental manipulation of hay-meadow mowing regimes and its effects on bees, 9. Januar 2014, PLOS ONE 9(1): e85635. doi:10.1371/journal.pone.0085635
• Buri, P., Arlettaz R. & Humbert J.Y.: Delaying mowing and leaving uncut refuges boosts orthopterans in extensively managed meadows: Evidence drawn from field-scale experimentation.10. Oktober 2013, Agriculture, Ecosystems and Environment 181:22-30. doi:org/10.1016/j.agee.2013.09.003

Veröffentlicht 28. Januar 2014 von Armin Dahl in andere Insekten, Ökologie, mehr Lepis, Pflege