Archiv für die Kategorie ‘Tagfalter

Die letzten Mohikaner?   1 comment

Momentan sind tagsüber nur noch wenige Tagfalter unterwegs, Überwinterer  wie Tagpfauenauge, Admiral, darüber hinaus Weißlinge, vereinzelte Kleine Feuerfalter und verrupfte Bläulinge.

Das Jahr 2017 war – abgesehen von der Feldarbeit – insgesamt ein gutes Jahr für die Entomologie, sind doch unsere Dauerthemen wie Artensterben und Verlust an Biodiversität praktisch den gesamten Sommer hindurch in den Medien herauf und herunter gespielt worden. Artenkenntnis war plötzlich wieder hip! Wurde man vor ein paar Jahren noch als verschrobener Spinner angesehen, hat es sich doch herumgesprochen dass unser aller Passion zu irgend etwas gut sein könnte, Artenvielfalt einen Wert hat! Auf einmal stellt man erstaunt fest wieviele Leute sich früher angeblich mit verdreckten Autoscheiben befasst haben, und wie sehr sie dem Insekten- „Dreck“ nachtrauern, den sie seinerzeit verflucht haben. Damals, als wir noch mit dem Opel Kadett an die Riviera gefahren sind! Und auch der letzte Bedenkenträger wurde wahrscheinlich mit der Tatsache konfrontiert, dass als Hauptverursacher für den allgemeinen Insekten-Rückgang die lebensfeindlichen Methoden in der Landwirtschaft an erster Stelle stehen, mal ganz abgesehen vom Lebensraumverlust durch Überbauung und Verwaldung.

Tatsache? Stimmt das so? Ziemlich  mutig kommen einem heute Angaben wie „überall häufig“ in den älteren Publikationen vor. An heutigen Standards gemessen sind viele der Arbeiten aus der Mitte des letzten Jahrhunderts – vor dem großen Einbruch – nicht sauber durch Zahlen belegt und werden deshalb nicht recht ernst genommmen. Im Rückblick verklärt sich doch so manches, so wie der Opel Kadett heute ein schickes „H“ auf dem Nummernschild führt.

Zum Glück hat sich schon jemand anderes die Mühe gemacht, wenigstens für die jüngere Vergangenheit ein paar grundlegende Dinge zu Papier zu bringen. In diesem Fall die Mannschaft des Tagfaltermonitorings Deutschland (TMD) am Umweltforschungszentrum in Halle, in Person von Elisabeth Kühn. Im neuesten TMD Zählerbrief Oktober 2017 heißt es ganz lapidar:

„Tatsächlich können wir anhand der Daten des Tagfalter-Monitoring aus den letzten 11 ausgewerteten Jahren den dramatischen Rückgang nicht bestätigen. Die Falterzahlen sind in den erfassten Jahren sehr unterschiedlich, aber ohne einen eindeutig erkennbaren Trend. Schaut man sich dazu die Trends für einzelne Arten an, so ist gut zu erkennen, dass sich die Zahlen der einzelnen Arten sehr unterschiedlich entwickelt haben.“

Da haben wir den Salat! Statistisch sauber belegen lässt sich der postulierte Rückgang also nicht, wen wundert es auch bei den vergleichsweise kurzen Zeitreihen in denen halbwegs standardisierte Daten erhoben werden. Ganz nebenbei:  Was unsere Region in Nordrhein-Westfalen betrifft, so sind wir sogar noch schlechter dran als der Rest der Republik. Die älteren Daten des Tagfaltermonitorings NRW sind gar nicht im Datenpool des UFZ enthalten und schlummern immer noch in irgendwelchen Schubladen oder Dateien – ein echtes Ärgernis!

Anscheinend hat der gravierendste Rückgang bei den Schmetterlingen schon vor mehreren Jahrzehnten stattgefunden, europaweit hat sich der Abwärtstrend in den letzten zehn Jahren zumindest verlangsamt.

Eine gefühlt ziemlich wilde Saison 2017 geht zu Ende, das Wetter spielte mal wieder verrückt, das Beobachternetz im Niederbergischen wird nach meinem Eindruck immer dichter, und etliche intensive Exkursionen an Mosel, Mittelrhein, in die Eifel etc. haben wir auch durchgeführt und dabei eine Menge tolle Beobachtungen genossen. Und vereinzelt könnte man auf die Idee kommen dass sich einige Arten wieder berappeln könnten, in 2017 zum Beispiel  Ulmen-Zipfelfalter und Kaisermantel, die im Jahr 2017 hohe Nachweis-Zahlen erreicht haben, oder der Große Schillerfalter, der mitten in Düsseldorf aufgetaucht ist.

Ob das alles nur kurzfristige Erholungen oder stabile Trends sind, ob das vom Klimawandel angefeuert wird, oder in wenigen Jahren die letzten Falterpopulationen dahingerafft sind, darüber werden wir erst in ein paar Jahren Bescheid wissen. Voraussetzung ist aber dass alle ihre Daten sauber aufbereitet zur Verfügung stellen, sei es jetzt als Excel- oder Access-Daten,  im Tagfaltermonitoring oder in anderen öffentlichen Datenbanken wie observation.org und naturgucker.de, wo man auch noch andere Tier- und Pflanzenbeobachtungen loswerden kann.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen eine Menge schöne „Lange Winterabende“, und wem es langweilig wird der kann ja auf die Nachtfalterpirsch gehen, die Artengruppe hat fast ganzjährig Saison.

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht 3. Oktober 2017 von spoerkelnbruch in Insektensterben, Klimawandel, Tagfalter

Kurzer Zwischenstand Cupido argiades   1 comment

Heute war ich mal auf der „falschen“ Rheinseite bei Dormagen unterwegs, dort hat die Stadt ein paar Ausgleichsflächen, die von der Biologische Station im Rhein-Kreis Neuss e.V.  betreut werden.  Dort ist vor etlichen Jahren artenreiches Grünland entwickelt worden, mittels Mahdgutübertragung, Ansaat, mit Ackerrandstreifen rundherum. Direkt angrenzend finden sich das beweidete NSG Wahler Berg und Hannepützheide, mit einer teilweise freigestellten Düne, eine echte Rarität in der dicht besiedelten Rheinebene.

Die Wiesen im Gebiet blühten gerade wie toll, Tiefland-Mähwiesen wie sich das gehört, mit geschätzten 60 Pflanzenarten, unter anderem Wiesen-Bocksbart (Tragopogon pratensis subsp. orientalis) und Wiesen-Salbei, und jede Menge Rot- und Hornklee.

Und Bläulinge, in Massen! Bei dem etwa einstündigen Rundgang habe ich am Ende nicht mehr mitgezählt, aber mindestens 60 Exemplare von Cupido argiades habe ich gesehen, das bedeutet, auf der knapp drei Hektar großen Wiese waren wahrscheinlich ein paar hundert Tiere unterwegs.  Auch Polyommatus icarus war zahlreich zu sehen, aber das Verhältnis argiades / icarus war geschätzt eher 3/1. Auf der Weide nebenan das gleiche Bild, argiades sehr häufig, icarus seltener, dazu einzelne Kleine Feuerfalter und etliche Coenonympha pamphilus.

Und so wie es in Dormagen aussieht scheint es in vielen Biotopen der Region zu sein: auch in Haan, Wuppertal, Remscheid, Düsseldorf berichten die Kollegen von zahlreichen Beobachtungen von Cupido argiades, der momentan hier – vor wenigen Jahren noch unvorstellbar – der häufigste Bläuling ist.

Das Gebiet bei observation.org

Historisch: Erstnachweis Cupido argiades in 2012

Artikel aus dem Jahr 2012 in der Melanargia, 24 (4): 119-123

Veröffentlicht 25. August 2017 von spoerkelnbruch in Auf Tour, Tagfalter

Um Ulmen herum   2 comments

Satyrium w-album im Eller Forst, Juli 2017  (Foto: Klaus Böhm)

Das Vorkommen von Ulmen-Zipfelfaltern im Eller Forst ist zwar schon länger bekannt, hier dennoch eine – wie ich finde besonders bemerkenswerte – Beobachtung von Klaus Böhm:

Bei Untersuchungen zum Vorkommen des Ulmenzipfelfalters im Raum Düsseldorf-Mettmann konnte ich Ende letzter Woche eine bemerkenswerte
Ansammlung dieser Art im Eller Forst beobachten. Auf einer Fläche von gerade mal 15 Quadratmetern saßen nachmittags bei sonnig heißen Wetter gleichzeitig 20! Exemplare auf wenigen Blütenständen des Wasserdosts, teils drei Tiere nah beieinander. Dabei verhielten sich die Falter sehr ruhig, flogen kaum und waren wenig scheu. Systematisch bewegten sie sich langsam über die Blütenköpfe, dabei immer wieder die Körperachse drehend, um in den bereits geöffneten kleinen Einzelblüten zu saugen. Gelegentlich flog einer abrupt und in schnellem Zickzackflug auf um ebenso unvermittelt auf einem benachbarten Blütenstand zu landen.

 

 

Veröffentlicht 11. Juli 2017 von spoerkelnbruch in Tagfalter

Pieris mannii in Hitdorf   2 comments

… ist schon seit 14 Tagen wieder unterwegs. Hier mal rasch aus einer Mail von Klaus Böhm zitiert:

Pieris mannii, Leverkusen-Hitdorf, 9. April 2017 (Foto: Klaus Böhm)

…. vorab ein paar kurze Notizen von dem mir kontrollierten Pieris mannii- Vorkommen in Hitdorf (Gartenkomplex mit reichlich Schleifenblume)

Nach dem Erstfund von mannii am 28.06. letzten Jahres dort, suchte ich die Stelle erst wieder ab dem 28.08, dann aber regelmäßig, wieder auf. An allen 13 Beobachtungstagen gelang es mir, die Art dort nachzuweisen, insgesamt 70 Falter, z.B max. ca. 10 Tiere (6 Männchen, 4 Weibchen) am 22.09., noch 7 Exemplare am 9.10., letzte Beobachtung am 31.10. mit einem frischen Männchen. Es wurden dort u.a. auch zahlreiche Eiablagen von verschiedenen Weibchen dokumentiert, wie es überhaupt gelang, von vielen Tieren Fotobelege anzufertigen.

Nach nun reichlich Übung und Erfahrung lassen sich die Falter, insbesondere auch die Männchen, ohne  sie zu fangen, problemlos von Kleinen Kohlweißlingen unterscheiden.

Dieses Jahr wurde bei sonniger Witterung dort am 24.03. noch kein mannii beobachtet, jedoch ein Kl.Kohlweißling, am 31.03. dann aber ein Männchen und Weibchen von mannii, weitere 5 mannii Tiere dort an 2 Tagen Anfang
April….

 

 

Veröffentlicht 15. April 2017 von spoerkelnbruch in Phänologie, Tagfalter

Great Blue: Britischem Schmetterlingsfänger droht der Knast   2 comments

Ein Mann, der im Juni 2015 im Daneway Banks reserve in Gloucestershire und im Collard Hill reserve in Somerset einige Exemplare des Quendel-Ameisenbläulings Maculinea arion (engl. „Great Blue“) gefangen hatte, ist jetzt verurteilt worden. Zu dieser Meldung, die auch durch die Internationale Presse gelaufen ist, kann ich nur sagen: Recht so!

Es ist das erste Mal in England dass eine Verurteilung wegen des Fangs dieser Bläulingsart geschieht. Der Sammler Philipp Cullen hat offenbar gegen alles verstoßen was in England im Artenschutz gilt.

  • Fang in Gebieten mit Special Scientific Interest
  • Fang und Handel einer Art die unter absolutem Schutz steht, (6 Arten in England), und das in großem Stil.
  • Betrug (Die beschlagnahmten Tiere hatten offenbar gefälschte historische Etiketten)

Das gehört sich nicht und jedes Kind in England weiss es. Das arion-Projekt ist in England so bekannt wie man sich das hierzulande nicht vorstellen kann, und es ist eine Unmenge öffentliches Geld des British Wildlife Trust und anderer Stiftungen hineingeflossen.
Neben dem „Great blue“ hatte der Sammler weitere Tiere in seinen Kästen, darunter die in England extrem seltenen und geschützten Arten Siona lineata, Pyropteron chrysidiforme und Melitaea athalia.

Und deshalb ist meines Erachtens nichts daran auszusetzen dass der Kollege dafür eine Freiheitsstrafe bekommt. Schon alleine weil er so dumm war die Tiere bei Ebay zu verkaufen gehört er bestraft. Die Höhe der Strafe wird Anfang April verkündet. Ungewöhnlich an der Sache ist eigentlich nur, dass es mal einen Schmetterlingsfänger und -händler trifft. Hätte der Kollege mit Elfenbein gehandelt, würde niemand darüber ein Wort verlieren.


Butterfly Conservation UK: Collector convicted for illegally catching and killing the UK’s rarest butterfly
BBC-News: Man guilty of capturing and killing UK’s rarest butterfly
Spiegel Online: Seltene Schmetterlinge getötet – Brite verurteilt

Veröffentlicht 18. März 2017 von spoerkelnbruch in im Netz, Tagfalter

Big Data oder wo die Painted Ladys bleiben   Leave a comment

Distelfalter Vanessa cardui, Düsseldorf-Neandertal, 2. September 2012 (Foto: Armin Dahl)

Distelfalter Vanessa cardui, Erkrath-Neandertal, 2. September 2012 (Foto: Armin Dahl)

Heute sind die meisten Zoologie-Lehrstühle entweder ganz verschwunden oder kleingespart, das Museensterben geht weiter und die Naturschutzbehörden entwickeln sich zu weitgehend kenntnisfreien Zonen. Opa Hoppenstedt, der Weihnachts-Klassiker von Loriot, würde an dieser Stelle sagen „Früher war mehr Lametta“. Und wenn man heute gefragt wird wo denn in der Freilandbiologie so richtig die Musik spielt, dann fällt einem nichts rechtes ein.

Aber es scheint sie doch noch zu geben, die interessanten Lehrstühle und Forschungseinrichtungen. Vor einiger Zeit bin ich durch einen Radiobeitrag über das Park Grass Experiment gestolpert: Seit 1856 (!) untersuchen die Briten am Rothamsted Research Institute in Hertfordshire nördlich von London, wie das Gras wächst. „Nach 2000 Jahren Pflege wird mein Rasen recht annehmbar sein“ sagt der Ureinwohner in „Asterix bei den Briten“. So lange wollen wir nicht warten! Etwa seit der Jahrtausendwende beobachten die Forscher wieder einen deutlichen Anstieg der Biodiversität in den untersuchten Wiesen, was angeblich auf verringerte (Luft-)Stickstoffeinträge zurückzuführen ist. Es besteht also immer noch Hoffnung für die Falter der Wiesen und Weiden!

Rothamsted hat aber noch eine weitere höchst interessante Forschungseinheit, die sich mit der Migration von Insekten beschäftigt: Das Institut für Radar-Ökologie! Eine der Fragen, mit denen man sich dort in den letzten Jahren beschäftigt hat: Was passiert mit alle den schönen Distelfaltern, die jedes Frühjahr nach England einfliegen? Die Antwort ist ein wenig erstaunlich, weil die Beobachter am Boden davon fast nichts mitbekommen: Die „Painted Ladys“  ziehen im Herbst wieder weg, aber nicht wie der Admiral (Vanessa atalanta) dicht am Boden, sondern in Höhen von bis zu 1000 Metern, und sie nutzen gezielt bestimmte Luftströmungen für ihre Wanderung!

Herausbekommen haben das die Engländer mit Faltern, denen eine winzige sogenannte Schottky Barrier Diode aufgeklebt wurde. Die Details sind aber nur etwas für diejenigen die auch in Physik aufgepasst haben. Zusammengefasst lässt sich wohl sagen dass diese kleinen Dinger auf Radarsignale  antworten, ohne dass man dem Falter eine Batterie mitgeben muss. Und die Mannschaft in Rothamsted hat ein sogenanntes Harmonisches Radar, mit dem man bis in 1,5 Kilometern Höhe diese Dioden auf Sendung bringen und damit die Falter bis in große Höhen verfolgen kann.

Die Dimensionen der Insektenwanderungen auch ausserhalb der Tropen sind so gewaltig, dass das altehrwürdige Magazin Spektrum passend zu Weihnachten gar von den Himmlischen Heerscharen sprach.
Wer die Details ganz genau nachlesen will (und wer stolze 38 $ für ein .pdf bezahlen will) kann das z.B. in der Wiley Online Library tun. Ansonsten tut es vielleicht erst mal die Zusammenfassung in der Pressemitteilung des UFZ von 2012. Ein paar schöne Bilder zum umsonst angucken finden sich in der Science Photo Library unter dem Stichwort: Trackig Insects by Radar.
Totalüberwachung hat Konjunktur, auch bei den Insekten!

Veröffentlicht 27. Dezember 2016 von spoerkelnbruch in Ökologie, im Netz, Tagfalter, Umwelt, Wanderfalter

Schillerfalter in Düsseldorf   Leave a comment

02.07.2015 Düsseldorf Gerresheimer Waldfriedhof, in Gewächshaus auf dem Betriebshof von Ruth Schäfer gefunden......

Apatura iris, 2. Juli 2015 Düsseldorf Gerresheimer Waldfriedhof, ca. 100m NN (Foto: Ruth Schäfer)

Apatura iris, 2. Juli 2015 Düsseldorf Gerresheimer Waldfriedhof (Foto: Ruth Schäfer)

Apatura iris, 2. Juli 2015 Düsseldorf Gerresheimer Waldfriedhof (Foto: Ruth Schäfer)

Bisher sah es so aus als ob der Große Schillerfalter einen Bogen um die Großstadt machen würde, jedenfalls war in den tieferen Lagen rund um Düsseldorf in den letzten Jahrzehnten nichts von der Art zu sehen. Jetzt aber gelang ein Zufallsfund auf dem Gerresheimer Waldfriedhof, und das schon Anfang Juli. Der Falter hatte sich offenbar ins Gewächshaus des Betrieshofs verirrt und leider nicht mehr herausgefunden.

 

Veröffentlicht 29. Juli 2016 von spoerkelnbruch in Tagfalter