Schmetterlinge, Landschaft und ausgeGRABEne Literatur.   1 comment

Die Bergische Heideterrasse hat in den letzten Jahrhunderten mehrfach einen kompletten Gestaltwechsel hingelegt, was mit ein Grund sein dürfte für die heutige Artenarmut des Gebiets. So richtig los ging es mit der Überformung aber erst nach der Erfindung des Automobils, der parallel stattfindenden Industrialisierung und dem Verschwinden der extensiven Landbewirtschaftung der Region.

Heideterrasse und Bergisches Land waren vor weniger als zwei Jahrhunderten noch weitgehend waldfrei und die Landschaft dominiert von Ackerbau und Wiesenwirtschaft, in den sandigen Bereichen durchzogen von ausgedehnten Heide- und Moorkomplexen.
Aktuell dominieren eher dichte Besiedelung, Überbauung und Zerschneidung, die Tierhaltung ist bis auf ein paar Reitställe verschwunden, der Wald dafür zurückgekehrt. Ein Ende des Prozesses ist nicht in Sicht – keine guten Nachrichten für die Offenland-Schmetterlinge der Region.

„Übersichtskarte des Ruhrkohlengebiets“ aus GRABE 1936. Ganz unten links liegt „Unterbach“

Woher wir das alles wissen? Zum Glück ist die Lepidopterologie eine Wissenschaft mit langer Tradition, die Altvorderen waren fleißig und haben ordentliche Publikationen hinterlassen. Heute hatte ich erstmals die Gelegenheit einen Blick in ein ganz besonderes Schätzchen zu werfen, in der Post fand ich einen Sonderdruck des aus Dortmund stammenden Altmeisters Albert GRABE as dem Jahr 1936, die „Zusammenstellung der von 1923 bis 1934 im Ruhrgebiet neu aufgefundenen Groß-Schmetterlingsarten.

In dem schmalen Bändchen findet sich eine ganze Menge aus heutiger Sicht schier unglaublicher Beobachtungen, zum Beispiel vom Habichtskraut-Spinner Lemonia dumi, „Nach Voß bei Eller und Grafenberg nicht selten.„. L. dumi sucht man heute hier vergeblich, die nächsten Flugplätze liegen im Hohen Siegerland und Diemeltal, und auf der Hooge Veluwe in Holland.

Funde der Striemen-Schilfeule Senta flammea (CURTIS, 1828) aus [Düsseldorf-]Unterbach, und der Dunkelbraunen Spannereule Idia calvaria ([DENIS & SCHIFFERMÜLLER], 1775) – „ohne Datum aus Flingern und Grafenberg“) lassen einen ehrfürchtig erschauern: S. flammea fliegt aktuell nur im Elmpter Schwalmbruch und I. calvaria ist im Arbeitsgebiet der Rheinisch-Westfälischen Lepidopterologen schon lange komplett ausgestorben.

Ebenso flog seinerzeit Lycaena virgaurea („bei Eller-Hassels“), heute findet man den Falter etwa rund um die Skipisten im allerhöchsten Sauerland.  Bis Polymixis flavicincta – der Falter lebt aktuell an der unteren Mosel und Nahe an brutal heißen Felsen – mal wieder „in Grafenberg an Mauern gefunden“ wird, muss der Klimawandel noch gehörig Fahrt aufnehmen.

Unter der Angabe von Coenonympha tiphon Rott. („Auch von Eller gemeldet“) dann die unscheinbare Fußnote: „Bei Eller-Unterbach durch Trockenlegung des Flugfeldes ausgestorben„. C. tiphon ist das Synonym für Coenonympha tullia (MÜLLER, 1764) – Großes Wiesenvögelchen, um diese Art zu sehen muss man heute in die großen Moore Niedersachsens fahren, und dann auch noch mächtig Glück haben.

Und was war das mit dem Flugplatz in Eller??? Wikipedia bringt es an den Tag, die ehemalige Kiesgrube Eller wurde seinerzeit von den Nazis hergerichtet, während des Zweiten Weltkrieges befand sich hier ein zur Täuschung alliierter Bomber angelegter Scheinflugplatz der deutschen Luftwaffe. Die Angabe GRABEs (von 1936) liest sich so als ob die Nazis schon lange vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges gezielt aufgerüstet hätten. Oder hat jemand eine bessere Erklärung?

Heute befindet sich an der Stelle der Kiesgrube Eller der 80 Hektar große Unterbacher See, direkt angrenzend der Eller Forst, einer der Schauplätze des Düsseldorfer Klima-Monitorings. Von der ehemals mehrere Kilometer breiten Heide zwischen Sieg und Ruhr ist im Raum Düsseldorf heute nur noch eine schmale Bahntrasse durch +/- dichte Wälder übrig.
Und so richtig wundert es mich nicht mehr, dass die meisten Spitzenarten das Gebiet großflächig geräumt haben.


Literatur: GRABE, A. (1935-36): Zusammenstellung der von 1923 bis 1934 im Ruhrgebiet neu aufgefundenen Groß-Schmetterlingsarten. – Int.Entom.Z., 29: 282-286, 297-300, 310-312, 323-324, 332-334, 347-348, 359-360, 382-383, 406-408, 416-418, 423-425, Guben; Entom.Z., 49: 508-509, 520-521, 533-107, 535, 538-541, 549-550, 566-568; 50: 16-17, 27, 44-46, 178-183, 194-195, 249-252,
264-269, Frankfurt/M.

Veröffentlicht 9. August 2017 von spoerkelnbruch in Arten / Listen, Literatur

Um Ulmen herum   2 comments

Satyrium w-album im Eller Forst, Juli 2017  (Foto: Klaus Böhm)

Das Vorkommen von Ulmen-Zipfelfaltern im Eller Forst ist zwar schon länger bekannt, hier dennoch eine – wie ich finde besonders bemerkenswerte – Beobachtung von Klaus Böhm:

Bei Untersuchungen zum Vorkommen des Ulmenzipfelfalters im Raum Düsseldorf-Mettmann konnte ich Ende letzter Woche eine bemerkenswerte
Ansammlung dieser Art im Eller Forst beobachten. Auf einer Fläche von gerade mal 15 Quadratmetern saßen nachmittags bei sonnig heißen Wetter gleichzeitig 20! Exemplare auf wenigen Blütenständen des Wasserdosts, teils drei Tiere nah beieinander. Dabei verhielten sich die Falter sehr ruhig, flogen kaum und waren wenig scheu. Systematisch bewegten sie sich langsam über die Blütenköpfe, dabei immer wieder die Körperachse drehend, um in den bereits geöffneten kleinen Einzelblüten zu saugen. Gelegentlich flog einer abrupt und in schnellem Zickzackflug auf um ebenso unvermittelt auf einem benachbarten Blütenstand zu landen.

 

 

Veröffentlicht 11. Juli 2017 von spoerkelnbruch in Tagfalter

Nächtliche Schlammschlacht am Steltenberg   1 comment

Steinbruch Steltenberg in Hagen-Hohenlimburg: Kalk aus dem Devon, mit dünner Lehmauflage…

Nachdem wir in dieser Saison schon einige bemerkenswerte Leuchtabende mit ellenlangen Artenlisten erleben durften, kam pünktlich zum Monatswechsel der Wettereinbruch mit zwei Tagen Dauerregen und etwas reduzierten Temperaturen.

So ein Wettersturz ist sehr ärgerlich für den Veranstalter lange im voraus angekündigter Leuchtabende, und so war die Miene von Josef Bücker beim abendlichen Treff im Steinbruch Steltenberg bei Hohenlimburg leicht verkniffen: Nasse Klamotten, das Auto bis zum Fenster hoch mit Schlamm bespritzt, dazu noch die Gummistiefel vergessen: Der erste Juli-Lichtfang 2017 war eher ein Test für das Durchhaltevermögen der Entomologen, als ein schöner Sommerabend mit Kollegen in einem tollen Lebensraum.
Aber Auskneifen ging ja auch nicht, und so bauten wir brav unsere Anlagen auf, und lauschten dem Pfeifkonzert der Geburtshelferkröten, die das nasse Wetter ganz offenbar prima fanden. Ein paar Gäste fanden sich auch noch ein, und wenn schon kein guter Anflug herrschte, so hatten doch die Kinder Spass am Fotografieren, und die Alten Zeit sich ein wenig zu unterhalten: Auch in Hagen gibt es Pläne für eine Steinbruch-Erweiterung, und die üblichen Querelen zwischen Naherholung, Natur- und Landschaftsschutz und wirtschaftlichen Interessen.

Aus rein entomologischer Sicht ist das Kalkvorkommen, das sich zwischen Haan-Gruiten (Grube 7 und Grube 10) über Wuppertal, Schwelm, Hagen, Hohenlimburg, Letmathe bis nach Warstein zieht, auf jeden Fall ein Hotspot der Artenvielfalt in der Region. Das gilt natürlich vor allem dann, wenn die Steinbruch-Flächen mit ihren Magerrasen und Schutthalden nach dem Abbau offen gehalten und nicht vom Wald zurückerobert werden. Speziell im Raum Hagen-Iserlohn sind da ein paar Spitzenbiotope zu nennen, zum Beispiel die „Dolomiten von Iserlohn“ mit dem von der NRW-Stiftung erworbenen Helmke-Steinbruch oder der Burgberg bei Oestrich: Beide sind seit langem Pilgerziele für Entomologen aus der Umgebung (siehe Literatur).

Aber zurück zum Lechtabend im Steinbruch Steltenberg: Die Ausdauer der Lichtfang-Mannschaft siegte über die mäßigen äußeren Bedingungen, der Abend blieb warm, der Wind trocknete die Vegetation ab und am Ende standen doch knapp 60  Großschmetterlingsarten auf den Listen. Und wie es halt so kommt, bei schlechtem Wetter sieht man die besten Sachen, und wenn es das im Steinbruch Steltenberg „nur“ Kleinschmetterlinge und Eupithecien waren.


Literatur:
HANNIG, K. (1995): Wiederfund des Thymian-Widderchens Mesembrynus purpuralis (BRÜNNICH, 1763) im Süderbergland (Lep., Zygaenidae). Melanargia, 7: 57-58, Leverkusen [Zygaena purpuralis 1990-1995 bei Letmathe]

Veröffentlicht 2. Juli 2017 von spoerkelnbruch in Arten / Listen, Mikros, Spanner

Auch Wuppertal hat etwas zu bieten…   Leave a comment

Hier einige Bilder unserer Exkursion zur Stromtrasse Marscheid in Wuppertal am Samstag, 24.06.2017. Bei trübem aber warmem Wetter und gelegentlichem leichten Nieselregen konnten wir innerhalb von gut drei Stunden eine stattliche Anzahl von Insekten entdecken. Da die Stromtrasse regelmäßig von aufkommendem Baumbewuchs befreit wird, hat sich hier eine artenreiche, heideähnliche Fläche entwickelt, wie man sie nur noch selten findet.

Veröffentlicht 29. Juni 2017 von Tim Laußmann in Arten / Listen

Vielfalt in der Ökozelle Hattingen   Leave a comment

„Geleuchtet wird bei jedem Wetter!“ Im Vorfeld gab es Bedenken ob angesichts der Wetterlage der Leuchtabend im Ludwigstal in Hattingen überhaupt zu Stande kommt. Aber der Einsatz hat sich gelohnt.
Bedeckter Himmel, ein wenig Nieselregen, aber hohe Nachttemperaturen Was den Laien als wenig verlockend für entomologische Aktivitäten erscheint, das freut die Lichtfangtruppe. Ausserdem ist es immer spannend mal ein neues Gebiet zu untersuchen, so auch in der sogenannten „Ökozelle“ im Süden von Hattingen.
Auf NABU-Einladung durften wir uns dort einen schönen Abend machen, und was für einen! Über 90 Großschmetterlingsarten an einem Leuchtabend, das passiert wir in der Region nicht allzu oft. Und das obwohl ein wenig Wasser von oben kam. Die Ökozelle am Schlangenbusch in Hattingen, im Prinzip nichts weiter als eine von Gehölzen umgebene Obstwiese mit einem angrenzenden Regenrückhaltebecken, ist damit faltertechnisch einer der besser untersuchten Plätze in der Region. Und beim Blick auf das Lichtfang-Protokoll vom 24. Juni 2017 fallen vor allem die extrem vielen Kleinschmetterlingsarten auf.

Sphinx Ligustri, Hattingen, 24. Juni 2017 (Foto: Gaby Schulemann-Maier)

Aber auch bei den „Makros“ waren ein paar schöne Arten dabei: Der Bärenspinner Lithosia quadra wurde im Sommer 2017 schon an vielen Stellen in der Region gesichtet, und scheint sich fest etabliert zu haben. Die Stars des Abends waren jedoch zweifelsohne die großen Brocken, allen voran der riesige Ligusterschwärmer. Über 135 Formen standen am Ende der Nacht auf dem Zettel, und da sind die Falter vom Tage noch nicht dabei.

Veröffentlicht 28. Juni 2017 von spoerkelnbruch in Arten / Listen, Spinner

Kleiner „Zuchterfolg“ mit Orgyia antiqua   1 comment

Auch wenn der Schlehen-Bürstenspimnner Orgyia antiqua bei uns überall vorkommt, so ist das Verfolgen der Fortpflanzung doch immer wieder ein besonderes Erlebnis. Am 5. Juni fand ich die Raupe an einem Rosenstrauch. Die Fütterung mit deren Blättern nahm sie nur kurz an und verpuppte sich schon einen Tag später. Nach 12 Tagen kam ein Weibchen mit den bekannten kl. Stummelflügeln zum Vorschein. 10 Minuten später erschien das erste Männchen, flatterte ungestüm umher und fand das Weibchen dann sehr bald.Nach der Kopula begann dann die Eiablage mit über 200 Eiern. Zur besseren Fotoansicht wurde das übrig gebliebene Puppengespinst entfernt.

 

 

 

 

 

Veröffentlicht 26. Juni 2017 von dietmarborbe in Arten / Listen, Spinner

Ein Perlmuttfalter-Määrchen   Leave a comment

Am 23.06. zog es mich dann doch noch einmal an die Mosel. Nach den vielen sehr heißen Tagen hatte es sich etwas abgekühlt. Um 8 Uhr morgens am Apolloweg oberhalb des Örtchens Valwig war es bei bedecktem Himmel bereits 20 Grad warm. Die erste Überraschung gab es sofort am Beginn des Weges: Einige Dutzend (!) Exemplare von Aglaope infausta („Trauerwidderchen“) schwärmten durch die Schlehengebüsche. Dennoch blieb dies zunächst die einzige interessante Beobachtung. Auf dem langen Weg und dem anschließenden Pfad flogen bei eher trübem Himmel nur wenige Falter, drei große Füchse, zwei Brombeer-Permuttfalter, einige Weißlinge und Kleine Füchse, aber kein einziger Apollofalter. Erst gegen zehn lockerte es auf. Die Temperatur stieg rasch auf über 25 Grad und oben an den Felsen der Brauselay waren noch drei Apollofalter zu entdecken. Wahrscheinlich geht die Apollofalterzeit nach der Hitze nun dem Ende entgegen. Am Fuße der Felsen ließ sich ein Kreuzdorn-Zipfelfalter (Satyrium spini) blicken und ablichten – dies ist bei den flinken und scheuen Tieren gar nicht so einfach. Am Wegrand fielen noch vier Raupen von Melitaea didyma (Roter Scheckenfalter) auf, die an Gewöhnlichem Leinkraut (Linaria vulgaris) fraßen (Bildbeschreibung: bitte Bilder anklicken!). Gegen 12 Uhr war es bereits so heiß, dass ich mich lieber in die Eifel zurückzog…

… in der Eifel gibt es bei dem kleinen Ort Strohn ein trockengefallenes Maar. Das Maar ist in eine monotone Agrarlandschaft eingebettet, so dass sich scheinbar alle Falter der Umgebung dort versammelt hatten. Insbesondere fand ich vier (!) Permuttfalterarten gleichzeitig vor, darunter der Hochmoor-Perlmuttfalter (Boloria aquilonaris) in ca. 15 Exemplaren. Auffällig und ungewöhnlich war zudem, dass ich bei der gesamten Exkursion nur einen blauen Bläuling (Celastrina argiolus an der Mosel) beobachten konnte.

 

Veröffentlicht 25. Juni 2017 von Tim Laußmann in Arten / Listen