Archiv für die Kategorie ‘Glasflügler

Erfolgreich Wildern in Westfalen   3 comments

Das Niederbergische ist ja gut und schön, aber ab und zu verschlägt es einen schon mal in andere Landesteile. Im Vorfeld des GEO-Tags war jetzt mal Westfalen dran.

Essen, Gleisharfe auf Zeche Zollverein, 4. Juni 2017

Denn ein paar ganz ordentliche Biotope haben sie dort im Ruhrgebiet, wenn die auch quasi im Unverstand entstanden sind, als Müllkippen der Industrie: Die Berghalden und Industriebrachen inmitten des städtisch geprägten Konglomerats von Duisburg bis Bergkamen entwickeln sich zu den Trittsteinen für die Tierwelt, die vom Klimawandel angeheizt ihre Verbreitungsgebiete nach Norden vorschiebt. Wem diese These zu steil ist, dem können wir eine schöne Liste von ehemals südlich verbreiteten Arten erstellen, die entlang von Bahnlinien, auf Erddeponien, Berghalden und Gleisharfen im Ruhrgebiet vorkommen: Von Heuschreckenarten wie der Blauflügeligen Ödlandschrecke, der Mauereidechse, die im Ruhrgebiet an vielen Stellen vorkommt, bis hin zu unscheinbaren grauen Nachtfalterarten wie Eremodrina gilva oder Eilema caniola, deren Vorkommen in unseren Breiten vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar erschienen und die mittlerweile weit verbreitet sind.

Zeche Zollverein in Essen: Die ehemalige Berghalde ist fast komplett von Wald bedeckt.

Den Einwohnern des Ruhrgebiets ist meistens gar nicht so recht bewusst, welche Schatzkisten vor ihrer Haustür liegen, seit dem Untergang der Steinkohleindustrie setzen alle auf Wald, Wald, Wald. Und erst in den letzten Jahren wird klar, dass die einst so verachteten Schotterflächen und Dreckhügel erstklassige Offenland-Biotope sind, Ersatzflächen für die verlorengegangenen Heidegebiete im Süden des Münsterlands.

Das Ruhrgebiet hat so seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. Eine davon ist, bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit das „Steigerlied“ abzusingen, mit dem deutschen Bergmannsgruß. Besonders gerne gesungen wird das im Umfeld der ehemaligen Zechen, die heute mit Steuergeld in sogenannte Industriekultur verwandelt worden sind. Als Rheinländer ist einem das ständige Glüüüüückauf glückauf ein wenig suspekt, aber was tut man nicht alles um ein paar Meßtischblatt-Quadranten mit schwarzen Nachweiskästchen zu füllen. Und so nahmen wir bei der zweiten Vorexkursion zum GEO-Tag der  Natur das vom Tonband abgespielte Liedchen gleichmütig hin, das über den Parkplatz vor dem Ruhrmuseum erklang: Die Pheromonfallen auf dem Gelände der Zeche Zollverein mussten geleert werden, bevor die Gluthitze die angelockten Tiere vollends ins Jenseits befördert. Drei Fallen mit zwei verschiedenen Wageningen-Präparaten (SYAN und PATA) hingen gut getarnt seit einer Woche in der Hecke hinter dem Ruhrmuseum, und Ziel war vor allem mein „Lieblings-Glasflügler“ SYnanthedon ANdrenaeformis,  von dem es bisher keine Nachweise im Naturraum Westfalen gab.

Synanthedon andrenaeformis, Zeche Zollverein, 11. Juni 2017 (Foto: Gaby Schulemann-Maier)

Zwei verschiedene Wageningen-Präparate in nur drei Fallen, lohnt sich dafür die 50-Kilometer-Anfahrt? Sie lohnt sich! Paranthrene tabaniformis (ROTTEMBURG, 1775) – Kleiner Pappel-Glasflügler Synanthedon vespiformis (LINNAEUS, 1761) – Wespen-Glasflügler,  Synanthedon andrenaeformis (LASPEYRES, 1801) – Schneeball-Glasflügler, alle drei angepeilten Arten fanden sich in ordentlicher Anzahl in den Fallen. Die Angabe „im Naturraum nicht vertreten“ bei S. andrenaeformis hatte mich schon eine Weile gefuchst, drei neue Glasflügler-Nachweise für das Meßtischblatt 4508, und ein Erstnachweis für Westfalen, dafür kann man schon ein wenig Sprit investieren und schlechte Musik ertragen. 🙂

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Veröffentlicht 11. Juni 2017 von spoerkelnbruch in Auf Tour, Glasflügler, Klimawandel, Lebensräume

Unter eines Baumes Rinde…   Leave a comment


Großinsekten entgehen trotz ihres kapitalen Formats unseren Beobachtungen, entweder durch nächtliche Flugzeiten (Hirschkäfer, Schwärmer) oder alleine durch die Tatsache dass sie sich um unsere „normalen“ Nachweismethoden Lichtfang und Tagfaltermonitoring keinen Deut scheren.  Besonders hartnäckige Kandidaten sind die Glasflügler, deren Imagines sich nur durch Pheromone nachweisen lassen, und deren Raupen zudem im Inneren von Holzgewächsen leben.

Aber manchmal hat man Glück: Bei einer Wanderung durch den winterlichen Stadtwald in Hilden wollte ich ein paar Kollegen mal eben rasch die üblichen Sesia-apiformis-Schlupflöcher und alte Kokons an den Stammfüßen von dicken Pappeln demonstrieren. Durch reinen Zufall waren dort ein paar Borkenstücke lose, ein bisschen gerüttelt, und plötzlich schaute eine bleiche, ihrer Wohnhöhle beraubte fette Made ins Freie. Bei näherem Hinsehen konnte man aber doch ein paar Beinstummel erkennen, und so war die Sache recht schnell klar: Eine Raupe vom „Hornissenschwärmer“, schon ziemlich ausgewachsen und wahrscheinlich kurz vor der Verpuppung. Das Tier wieder zurück in den Baum zu schieben war nicht möglich, also musste sie in ein neues Quartier in einem 5cm dicken Pappelast umgesiedelt werden, in dem ich zuvor mit der Bohrmaschine ein ordentlich tiefes Loch gebohrt hatte.

Rückwärts einfahren wollte sie auf gar keinen Fall, kam mehrfach nach wenigen Minuten wieder aus der neuen Behausung herausgepurzelt. Kopf voran war das Tierchen in wenigen Sekunden in seinem Domizil verschwunden, versperrte den Ausgang mit Spänen und wurde seither nicht mehr gesehen.

Veröffentlicht 16. Januar 2017 von spoerkelnbruch in Arten / Listen, Glasflügler, Lebensräume, Spinner

Synanthedon vespiformis auch an Kastanie, Brombeere und Himbeere   Leave a comment


Synanthedon vespiformis - Wespen-Glasflügler. Haan, Am Sandbach, 20. Juli 2011 (Foto: Armin Dahl)

Synanthedon vespiformis – Wespen-Glasflügler. Haan, Am Sandbach, 20. Juli 2011 (Foto: Armin Dahl)

Unter den zahlreichen Neujahrsgrüßen in meinem E-Mail-Postfach war auch eine von der Firma Csalamon in Budapest, das sind die Kollegen die das Pheromon für Abraxas grossulariata (und viele andere) herstellen. In deren neuem Prospekt fand ich eine für mich erstaunliche Angabe über das Auftreten von S. vespiformis auch in anderen Pflanzen als nur in Eichen, und das möchte ich Euch hier nicht vorenthalten. Zwar ist mir hierzulande noch nichts dergleichen zu Ohren gekommen, aber das kann ja noch werden, wenn man mal darauf achtet.
Jedenfalls macht S. vespiformis in der spanischen Extremadura offenbar Probleme in Esskastanien-Plantagen, ein .pdf dazu findet sich im Internet:
Armendariz, I., C. Aza, P. Bañuls, M. Manzano & J. Mateos (2013) Synanthedon vespiformis, un problema emergente en los castañares del norte de Cáceres. PHYTOMA España • Nº 246 FEBRERO 2013. Die Spanier haben dort übrigens auch Flugaktivität von vespiformis bis in den Oktober hinein beobachtet, auch hierzulande waren ja in diesem Jahr einige vespiformis-Spätzünder unterwegs.

Noch erstaunlicher als das Vorkommen in den spanischen Kastanien finde ich dass Auftreten von S. vespiformis in Himbeer- und Brombeerplantagen in Ungarn, vor allem in Stachellosen Brombeeren scheint die bei uns angeblich nur an Eiche fliegende Art ordentlich zu marodieren. Nachzulesen kann man das angeblich hier:

Szántóné-Veszelka M., B. Poós B., G. Szőcs (2010): Blackberry and raspberry, new hosts of the yellow legged clearwing moth, Synanthedon vespiformis: what can the recently developed sex attractant offer in monitoring and beyond. In: IOBC working group, integrated plant protection in fruit crops subgroup “Soft Fruits”, 7th workshop on integrated soft fruit production, pp 20–23

Stachellose Brombeeren gibt es hier in jeder Kleingartenanlage in großer Zahl, und es würde mich nicht wundern wenn wir in nächster Zeit auch Nachweise aus deutschen Brombeeren und Himbeeren bekommen würden.

Wer Spass an der ungarischen Sprache hat kann sich auch mal in die Doktorarbeit von Gabor Szőcs hineinlesen, hier zu finden:
http://real-d.mtak.hu/906/1/dc_1192_16_tezisek.pdf (fast noch erstaunlicher dass man mit einem 22 Seiten umfassenden Werk zu einem Doktortitel kommt – möglicherweise kann man in Ungarn kumulativ promovieren, wenn man nur genügend Papers hat. Vielleicht habe ich es aber nur nicht richtig verstanden, .)

Veröffentlicht 2. Januar 2017 von spoerkelnbruch in Arten / Listen, Glasflügler, Spinner

Sesien-Spätzünder: Immer noch vespiformis unterwegs   5 comments

Dieses Wochenende fand die alljährliche Mäh- und Abräumaktion am Heintjeshammer in Wermelskirchen statt, und da liegt die Knechtweide in Wuppertal-Kohlfurt auf halber Strecke, die wir ja in diesem Jahr schon einmal besammelt haben. Also hingen dort ab Mitte der Woche drei Pheromonfallen (Präparate PEHY, SYFO, SYAN), ohne rechte Hoffnung etwas anderes zu erwischen als die allgegenwärtige  Pennisetia hylaeiformis.

Am Samstag vor dem Einsatz wurden vorher rasch die Fallen eingesammelt, und siehe da: Es geht doch noch was Mitte August. Jedenfalls sind die zwischen 16. und 19. August eingeflogenen Männchen von Synanthedon vespiformis (gefangen an SYAN) die spätesten in unseren Daten. Und für P. hylaeifomis haben wir jetzt auch einen Verbreitungspunkt: Sieben  Tiere fingen sich insgesamt, alle drei verschiedenen Präparaten waren wirksam.

Der früheste bisher im Niederbergischen getätigte Nachweis stammt vom 19. Mai 2012  (Willi Wiewel, Duisburg – Ungelsheim), damit erstreckt sich die Flugzeit über einen Zeitraum von drei kompletten Monaten!

Und das angekündigte schöne Spätsommerwetter ab Mitte der kommenden Woche werde ich gewiss ausnutzen und noch ein  paar Fallen irgendwo ins Gelände packen.

Veröffentlicht 21. August 2016 von spoerkelnbruch in Arten / Listen, Glasflügler, Phänologie

Erste Sesien am Start!   3 comments

Synanthedon culiciformis, Hagen, 18. Mai 2016 (Foto: Josef Bücker)

Synanthedon culiciformis (L.), Hagen, 18. Mai 2016 (Foto: Josef Bücker)

Josef Bücker meldet aus Hagen:
„hier ein Hinweis für die Pheromon-Nutzer: seit Anfang Mai bin ich mit dem Pheromon von S.culiciformis in Hagen unterwegs. Heute, am 18. Mai 2016, ging der erste in die Falle. Im letzten Jahr lag der Startpunkt in Hagen am 15. Mai.“

Veröffentlicht 18. Mai 2016 von spoerkelnbruch in Glasflügler, Phänologie, Spinner

Sesia apiformis ist kein „Holzschädling“   Leave a comment

Rhein-Sieg-Journal, 24. Februar 2016, S. 38

Rhein-Sieg-Journal, 24. Februar 2016, S. 38

Eigentlich braucht man nur eine stabilen Schraubenzieher um den angehängten Artikel als Unfug zu erkennen: Die Sesien-Löcher an dicken Pappeln sind ja mittlerweile hinlänglich bekannt, und wenn man die Rinde abhebelt, findet man darunter den Bohrgang und Kokon, und alles sitzt außen im Kambium, da wo der Saft fließt.
Das hindert aber den einen oder anderen Stadtgärtner nicht, harmlose Insekten mit gefährlich klingenden Namen zusätzlich zu verunglimpfen. Und dem Redakteur kann man auch keinen großen Vorwurf machen, unrecherchiertes abdrucken von Pressemitteilungen und Statements gehört ja mittlerweile zur Normalität im Lokaljournalismus.

Damit sich das aber nicht noch weiter fortsetzt hier ein gekürzter Auszug aus einem Mail von Daniel Bartsch, der als Mitautor von Band 5 der Baden-Württemberg-Fauna (da sind die Glasflügler drin) einer der profiliertesten Sesien-Kenner Deutschlands sein dürfte: Für alle Journalisten, die eine Suchmaschine bedienen können, zum kopieren


„Die Argumentation, dass sich die Larven ins Kernholz hineinfressen und den Baum dadurch zum Absterben bringen ist blanker Unsinn und zeugt nur von geringem Sachverstand! […] Pappeln sind sehr schnellwachsende Gehölze, die Raupenfraßgänge schon in der laufenden Vegetationsperiode nach dem Schlupf der Falter überwallen und dadurch verschließen. Sie sind an den Befall durch apiformis bestens angepasst und kommen damit spielend klar. Bei etwas Nachsuche kann man schließlich an fast jeder älteren Pappel einige alte Ausschlupflöcher finden. […]
Die Raupe von apiformis lebt zunächst in einer kleinen Platzmine unter der Rinde. Mit zunehmendem Wachstum dringt sie in das saftführende Splintholz ein und nagt dort eine unregelmäßige größere Platzmine aus. In das Kernholz dringt sie nie ein, was sollte sie auch dort, denn Sesienraupen leben vom Saftfluß Ihrer Wirtspflanzen und nicht von Cellulose, die können sie gar nicht aufschließen. Auch die Verpuppung erfolgt nicht im Kernholz sondern in, bzw. dicht unter der Borke sehr oft sogar außerhalb des Stammes im umgebenden Boden. Wenn im Kernholz also Fraßgänge zu finden sind, so stammen sie von der Fraßaktivität früherer Raupengenerationen.“

Veröffentlicht 1. März 2016 von spoerkelnbruch in Glasflügler

Bottrop, Halde Beckstraße   Leave a comment

Heute bei schönem Sonnenwetter war mal wieder Ausflug angesagt. Das Ruhrgebiet sticht mir in der Nase, und diesmal ging es mitten hinein ins zweifelhafte Vergnügen: Bottrop, Halde Beckstraße, mehr Ruhrgebiet geht nicht!  Die Wohnquartiere sind gar lieblich anzusehen, das drumherum mit qualmenden Fabriken, „Flüssen“ wie der Emscher, überall Autobahnen, dazwischen klischeegetreue Ruhrpottbewohner aus aller Herren Länder: Einen Menschen der wie ich an der Mosel aufgewachsen bin beschleicht immer noch ein seltsames Gefühl, wenn man in den Kern des Ruhrgebiets eindringt.

Dabei ist alles noch in Sichtweite der Bergischen Heidterrasse, ist man einmal auf eine der Halden hochgekrabbelt,  sieht man mit ein bisschen Glück bei klarem Wetter von oben den Kaiserberg, der nicht nur das Autobahnkreuz bei Duisburg veredelt, sondern auch den nördlichsten Punkt der Heideterrasse darstellt.

Im Sommer solte das ein lohnender Ausflug sein, bei so viel offenem schwarzem Rohboden hat die Halde bestimmt für wärmeliebende Schmetterlingsarten hohe Attraktivität. Das ganze eignet sich auch als Ausflug mit der Familie: Frauen und Kinder kann man während der Tour im benachbarten Alpincenter Bottrop parken, einer auf einer Bergehalde errichtete Indoor-Skihalle und Sommerrodelbahn.

Hier ein paar Bilder.

 

Veröffentlicht 14. Februar 2016 von spoerkelnbruch in Auf Tour, Glasflügler, Lebensräume